Wie der hässlichste Bunker in Berlin zur coolsten Kunstgalerie wurde

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Vergessen Sie „arm aber sexy“. Diese Aussage, die Berlin am besten zusammenfasst, stammt von dem deutschen Sozialexperten Karl Scheffler, der Berlin als eine Stadt betrachtete, die „konsequent dazu verurteilt wird, etwas sein zu können und es doch nie ist“ (Berlin – Das Schicksal einer Stadt, 1910). Zahlreiche Berliner würden dies als Geschenk betrachten: Die deutsche Hauptstadt wärmt sich ständig auf, und wenn Sie hier sind, können Sie das auch. Generationen sind gekommen, um der verheerenden Last des traditionellen Lebens zu entkommen und sich einem außermittigen Milieu von Kunsthandwerkern und Einzelgängern, Forschern und Revolutionären anzuschließen. Wie dem auch sei, die Strukturen der Stadt, von denen viele leer stehen, bergen immer noch das Potenzial einer weiteren Neuerfindung.

Die Kunstsammler Christian und Karen Boros folgten dem Ruf nach Berlin vor etwa 15 Jahren, als sie ein Zuhause für ihre 700-teilige Sammlung zeitgenössischer Kunst suchten. „Wir haben uns alte Industrieanlagen, Schulen, Kliniken und Pools angesehen – alles, was leer stand. Orte, die geradezu schrien: „Hilfe! Gib mir einen anderen Zweck!“ Als sie 2002 zufällig ein Gebäude betraten, welches Boros als „definitiv das hässlichste Bauwerk Berlins“ bezeichnet – einen Befestigungsbunker aus dem Zweiten Weltkrieg in Mitte -, war dies sofort einnehmend und sorgte für umgehende Bewunderung. Für die Kunstliebhaber der Stadt ist die Boros Sammlung seitdem ein offenes Rätsel. Die schwerfällige Fassade der Festung und die Trennwände sind eine hilfreiche Allegorie für die vielschichtige Geschichte Berlins.

Der 1942 erbaute Bunker war zu ostdeutschen Zeiten ein Obstlager und nach dem Fall der Mauer ein Fetischclub, als viele große Räume von allen möglichen Clubs genutzt wurden. Heute ist ein Besuch im Bunker so erschütternd, wie es die Geschichte nur hergibt. Sie treten durch einen befestigten Eingang in einen scheinbar undurchlässigen festen Raum ein, wo Sie individuell begrüßt werden („wir wollen nicht, dass sie sich wie Gäste fühlen, aber wie Besucher“) und Ihnen ein Getränk angeboten wird. Eine Reihe von miteinander verbundenen Räumen wirkt verkehrt herum: Ein Paar wurde für ein explizites Kunstwerk aufgeschnitten. Die zeitgenössischen Werke verschiedener Medien reichen von weithin anerkannten Werken (Ai Wei, Olafur Eliasson) bis zu Anhängern der Kunsthandwerkswelt (Avery Singer, Michel Majerus, Paulo Nazareth). Manche Bestandteile der Sammlung werden regelmäßig ausgetauscht. Eine dritte Show, die vor einem Jahr eröffnet wurde, dreht sich um vermeintliche „Post-Web-Verarbeitung“.

Die beiden suchen jedoch nicht nur nach einem Ansatz, um die Idee der Ausstellung auf den Kopf zu stellen. Sie mussten auch ihre eigene Lebenssituation neu evaluieren. Das unwahrscheinliche Ergebnis ist ein Penthouse auf dem Unterstand, das von einem ähnlichen Planer entwickelt wurde. Ihr Haus ist nicht Teil des Besuchs, aber einfach zu wissen, dass sie dort oben sind, ist ungewöhnlich überzeugend. Es ist alles andere als schwierig, sich ein Bild von ihrem Leben zu machen. Mit ziemlicher Sicherheit gehört das zum Reiz, eine private Kunstsammlung zu besuchen. „Ich ziehe jeden Tag meinen Bademantel an und schaue mir die Kunst mit einem Glas Rotwein an“, sagt Boros mit einem schiefen Lächeln.

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Dieses Gefühl der Extravaganz – von Kultur umgeben zu sein – ist allen bekannt, die etwas Energie in Berlin investieren. Es ist sicherlich eine der herausragendsten Eigenschaften der Hauptstadt. Die Boros-Sammlung ist vielleicht kein Mysterium mehr, aber sie wird ständig neu evaluiert. Es gibt viele alte Räume, die derzeit ein zweites oder sogar drittes Leben erhalten. Auf die Frage nach dem schnellen, heutigen Fortschritt Berlins reagiert Boros zuversichtlich: „Solange hier noch so viel gemacht wird, wird diese Stadt weiterleben, nicht alte Dinge aufwärmen, sondern stets sich selbst neu erfinden.“

Hier ein paar andere Orte, die in Berlin neues Leben eingehaucht bekommen haben:

Kindl Brauerei

Vermietung — KINDL - Zentrum für Zeitgenössische Kunst

Diese Abfüllung aus rotem Backstein in der Berliner Region Neukölln wurde zuletzt als KINDL-Zentrum für zeitgenössische Kunst wiedererweckt. Wie der Boros Bunker eignen sich die postmoderne Atmosphäre und die großen Räume ideal für große Ausstellungen.

Tempelhof Flughafen

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Dieser Flugterminal aus der NS-Zeit wurde 2008 geschlossen und die Landebahn als monströser Park wiederbelebt. Gegenwärtig nutzten die Berliner Radfahrer und Läufer die Landebahn für Übungen oder als Ausstellungsstück für die riesigen Strukturen der fundamentalistischen Zeit.

Teufelsberg

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Teufelsberg ist ein Hang, der aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs entstanden ist, über dem sich eine abgenutzte, gefällige und doch zutiefst fotogene Spionagestation des Kalten Krieges befindet. Gerüchten zufolge befinden sich die Überreste einer von Albert Speer geplanten Nazi-Militärschule unter den Trümmern.

Café Strauss und Silent Green Kulturquartier

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Diese Cafés in den Stadtteilen Kreuzberg und Wedding bringen neues Leben in die Friedhöfe der Stadt. Das Café Strauss serviert Kuchen und Espresso in einem früheren Bestattungsunternehmen, während Silent Green Shows und gesellschaftliche Anlässe in einem einstigen Krematorium inszeniert werden.

Stone Brewing Berlin

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Das kalifornische Abfüllwerk hat seine europäische Basis in einem alten Gaswerk im grünen, geschützten Mariendorf errichtet. Ein abgehobenes Design wie im Gebetshaus und weitläufiger Freiraum direkt neben den S-Bahn-Gleisen sorgen für ein sehr modernes, typisch Berlinerisches Trinkerlebnis.